E-Tron: Absinth für die Ohren
[Quote] Stell dir vor…: Es ist Wochenende. Da du nichts besseres zu tun hast, gehst du in die Stadt. In eine etwas zwielichtige Kaschemme. Abgestoßenes Plüsch-Ambiente in erdrückend-rotem, abblätterndem 70er-Jahre Outfit. Halbdunkel. Spiegelkugel an der Decke. Du setzt dich hin, lässt dir von der aufgetakelten, aber gelangweilten Bedienung was zum Trinken bringen. Undefinierbares Gesöff. Auf der handtuchgroßen Bühne turnt ein mehr als leichtbekleidetes Mädel, das seine besten Tage offensichtlich schon ein Weilchen hinter sich hat, unmotiviert kaugummikauend vor sich hin.
In einer Ecke eine 3-Mann-Combo, denen man anhört, dass sie diesen Job schon seit Ewigkeiten ohne Hochs und Tiefs Nacht für Nacht herunterschrammelt. In den dunklen Nischen spätmittelalterliche Halbglatzen, die, wenn sie allein da sitzen, die Dame auf der Bühne mit gierigen Blicken verschlingen. Andere Herren vom Typ “Reisender in Sachen Haushaltsreiniger” werden von halbseidenen Weiblichkeiten zum Konsum überteuerter Getränke animiert. Eine Atmosphäre heruntergekommener Resignation. Depression wird durch billigen Plüsch und Plastik krampfhaft, aber erfolglos übertüncht… Jeden Augenblick erwartet man, dass sich jemand vom Schlage eines Charles Bukowski zu einem gesellt, um zusammen bei billigem Fusel die Tristesse dieses “Film Noir” zu ersäufen…
Diese Bilder drängen sich mir beim Hören von Nachzehrer’s Longplayer unwillkürlich auf. Sparsame Arrangements im Mid-Tempo-Bereich. Vocals, aus denen man unwillkürlich alkohol- und rauchgeschwängerte endlos lange Nächte voller Sinnlosigkeit und falscher Erotik heraushören will. Lustig sind hier die oft jazzigen, manchmal mit einem schweren “Latin-Bossa-Touch” versehenen Rhythmen – ein relaxtes Grundgerüst aus akustisch (klingenden) Drums und Basses, das in krassem Gegensatz zu den knarzigen, quietschigen, von Zeit zu Zeit aber auch extrem “minimalen” Synthsounds steht, die die Rhythmik einrahmen. Zwischendurch “kranke” Gitarren, deren sparsamste Melodiebögen sich in die Gehirnwindungen fressen, um dort auf Dauer kleben zu bleiben. “Teen Taken From Tent By Aliens” – ein seltsamer Titel, der Assoziationen zu den Trash-Horror-Filmen der 50er Jahre weckt. Zeitlose Musik in zeitloser Verpackung. Eine Schublade hierfür zu finden, ist meiner Ansicht nach fast unmöglich – zu “eigen-artig” ist das, was uns auf dem Album präsentiert wird. Musik, die den morbiden Charme heruntergekommener Strass-Ästhetik ausstrahlt. Musik, die einen vollkommen besoffen macht. Jedoch – und das ist das Gute daran – ohne einen schweren Kopf zu hinterlassen! Wem Velvet Underground & Nico etwas sagen, wer bei den surrealen kneipenszenen bei “Twin Peaks” leuchtende Augen kriegt, wer eine heimliche Liebe zu Jerry-Cotton-Groschenheft-”Romantik” hegt – der ist hier 100-prozentig richtig! Für mich ist diese CD ein Kleinod, das ich mit absoluter Sicherheit auch noch in 10 oder 20 Jahren genießen kann, ohne a) das Gefühl haben zu müssen, dass dies ein “Oldie” ist und bei dem b) auch kein Kater ob des akustischen Besäufnisses zurückbleibt. Fazit: “Teen Taken From Tent By Aliens” ist Absinth zum Hören. Gefährlich gut! [/Quote]
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