Teen Taken begeistert Subkultur

[Quote] Mitte der 80er Jahre veröffentlichten Nachzehrer ein überaus erfolgreiches 4-Track-Demo-Tape, das die schwarze Szene gehörig aufwirbelte und über 2.000 Einheiten absetzte. Das Major-Label Metronome zeigte Interesse, der Deal wurde unterschrieben und kurz vor der Veröffentlichung ließ die Band – künstlerische Differenzen waren der Auslöser – die Veröffentlichnung platzen. Es folgte der Tod des damaligen Schlagzeugers, ein unveröffentlichtes Livealbum und schließlich die Auflösung.

Über zehn Jahre später melden sich Nachzehrer mit ihrem offiziellen Debütalbum “Teen Taken From Tent By Aliens”, welches als erstes Fremdsigning auf dem kleinen Label Nanopop erscheint, zurück. Wie die Vorgeschichte und der plakative Plattentitel (der auf deutsch soviel wie “Jugendlicher von Aliens aus Zelt entführt” bedeutet!) schon vermuten lassen, hat man es hier keinesfalls mit einer gewöhnlichen Band zu tun. Nachzehrer greifen sich Elemente aus Wave, düsterem Pop, Dance und Minimal-Electro und würzen sie mit allerlei ausgefallenen Ideen. So entsteht eine außergewöhnliche Mischung, die zugleich tanzbar, eingängig und abgefahren klingt.

Schon der industriell angehauchte Opener “Devil’s Kiss” ist ein penetranter Ohrenstreichler mit Hitpotential, was der vierköpfigen bereits die Pole-Position in diversen Radio-Charts einbrachte. “Big Big Big Big Love” stampft gewollt monoton durch die Boxen und klingt dabei als hätte es die 90er Jahre nie gegeben. Wunderbar klischeetriefende Billigkeyboards wiederholen immerwährend die gleiche Melodie und der Gesang tut es ihnen gleich, indem er die Zeile “My big big big big love…” gleich einem Mantra intoniert. “Poisonous Snake” demonstriert eindrucksvoll, dass weniger manchmal mehr ist und driftet ähnlich wie das nachfolgende, funkig-groovende “The No-No Baby” Richtung Minimal-Pop ab. Immer wieder wissen Nachzehrer durch simple, aber überaus effektive Gesangslinien zu begeistern und nicht selten meint man hier einer 2002-Version von Joy Division zu lauschen, woran der charakteristische, tiefe Gesang von Frontmann Soah einen wesentlichen Anteil hat.

Aber auch von der düster-morbiden Musik, die Monotonie und Minimalismus zu Stilmitteln erhebt, geht eine ganz sonderbare Faszination aus. Und dunkel ist selbige wahrlich, denn weder Licht noch Hoffnung dringen in das nächtliche Zelt von Nachzehrer, die darin ihre ein ums andere mal zum Scheitern verurteilten Love-Stories mit viel Pathos, Hingabe und abgedrehten Ideen vertonen. Und so kommt es, dass ein Liebeslied wie “I Love Susan” mit einer gehörigen Portion bitterer Ironie und Monotonie daher kommt und den Zustand der Gleichgültigkeit so realistisch ins heimische Wohnzimmer transportiert, daß man dabei bevorzugt im Gedenken an Susan mit dem Strick an der Decke baumeln mag. “Handsome” offenbart fette verzerrte Bass-Lines und einen “Drum’n'Bass”-Rhythmus, der jedem toten Muskel ein letztes Zucken entlocken dürfte und spätestens mit “Honey Kills” ist man dann in den Tiefen des 80er Jahre-Wave-Dschungels verloren und die Frage “Honey, will our love survive?” gewinnt im Rausche der Nostalgie eine ganz neue Bedeutung.

Mein persönlicher Favorit hört indes auf den Titel “Beloved In Return” und beendet die Platte nach all den rauschhaften, depressiven Erruptionen eher ruhig und besinnlich, jedoch nicht ohne eine Portion Groove, ohne die hier nichts geht. Fazit: “Teen Taken From Tent By Aliens” ist das Album schlechthin, für all jene dunklen Seelen, die im Durchwandern ihrer melancholischen Täler auch gerne mal das Tanzbein schwingen, um dabei in Nostalgie zu schwelgen. Großartig! [/Quote]

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